Beim Eintritt in das Gebäude müssen sich alle Besucher zunächst putzige
Filzpantoffeln über ihre Schuhe ziehen. Die Räumlichkeiten sind üppig
ausgestattet: prachtvolle Kronleuchter zieren die Decken, kostbare
Ölgemälde hängen an den Wänden, edles Mobiliar schmückt die zahlreichen
Zimmer. Richtig ins Staunen geraten die Gäste aus deutschen Pflegeeinrichtungen
bei der Besichtigung der Bibliothek, wo immerhin 93 000 Bücher auf
eifrige Leser warten. Allerdings handelt es sich bei dieser Einrichtung,
die im kulturellen Rahmenprogramm der Leserreise besichtigt wurde,
nicht um ein ungarisches Altenheim, sondern um das Schloss Festetics
in der Stadt Keszthely am Plattensee. Die materielle Ausstattung ungarischer
Pflegeeinrichtungen steht dagegen im krassen Gegensatz zu dem verschwenderischen
Reichtum ungarischer Schlösser. Kein Wunder, fehlt es doch bei allen
Beteiligten an den nötigen finanziellen Mitteln. Die durschnittliche
Rente eines Pflegebedürftigen beträgt 50 000 Forint, was nicht einmal
250 Euro entspricht. Von dieser Rente dürfen maximal 60 Prozent für
die Kosten der Einrichtung verwendet werden, was in etwa die Hälfte
dieser Kosten deckt. Den Rest übernimmt die Selbstverwaltung, sprich
die Kommune. Eine Pflegeversicherung oder einzelne Pflegestufen gibt
es in Ungarn nicht. Jeder Einrichtung verbleiben also zwischen 300
und 400 Euro monatlich pro Bewohner bzw. Nutzer für dessen Pflege
bzw. Versorgung.
Aufbruchstimmung
Verständlich, dass die Versorgungsstrukturen des Landes darauf ausgerichtet
sind, dass alte Leute so lange wie möglich zu Hause leben können.
Welche Angebote dieses Ziel unterstützen, erfuhren die Teilnehmer
der mittlerweile vierten Leserreise der Zeitschrift Altenpflege
und der Göttinger Bildungsvereinigung "Arbeit und Leben Niedersachsen"
bereits auf der ersten Station ihrer Fahrt. Irén Magyar Gyuláné,
Direktorin des zentralen Versorgungszentrums der Kleinstadt Zalaegerszeg,
erläuterte den aufmerksam lauschenden Besuchern aus Deutschland
die Infrastruktur des Hauses, das etwa 600 Menschen im Alter von
über 60 Jahren betreut. Neben der Möglichkeit, in diesem "Rentnerhaus"
seine Mahlzeiten einzunehmen, können die alten Leute eine häusliche
Hilfe oder bis zu einer Dauer von vier Monaten auch Tages- bzw.
Kurzzeitpflege in Anspruch nehmen. Zudem werden den Mitgliedern
des "Rentnerclubs" diverse Tagesbeschäftigungen angeboten, und es
stehen Appartments für insgesamt 57 Personen zur Verfügung.
Die hohe Bedeutung, die solchen kommunalen Einrichtungen zukommt,
lässt sich daran erkennen, dass in Ungarn die Städte per Gesetz
verpflichtet sind, die Versorgung jedes alten Menschen bis zum Lebensende
zu sichern. Entsprechend sind auch die meisten Pflegeheime in der
Trägerschaft der kommunalen Selbstverwaltung. Der Staat ist es schließlich
auch, der überwiegend die Ausbildung des Pflegepersonals finanziert.
Je Einrichtung vorgeschrieben sind in Ungarn pro 50 Personen mindestens
fünf qualifizierte Betreuer, eine Leitung mit Hochschulabschluss
sowie zwei Aushilfen. Im Psychiatrischen Heim und Rehabilitationsanstalt
in Bázakerettye werden z. B. 160 Personen von insgesamt 79 Mitarbeitern
versorgt, Aushilfskräfte und Hauswirtschaftler inbegriffen. Beim
Rundgang durch die Gebäude des Heimes wird den deutschen Gästen
schnell klar, dass die Bewohnerstruktur ungarischer Einrichtungen
wesentlich weniger homogen ist als daheim. Neben alten und dementen
Menschen sowie bettlägerigen und mobilen Patienten gibt es auch
zahlreiche Suchtkranke und Obdachlose.
Etwa 25 Personen des Psychiatrischen Heims sind relativ selbstständig
und leben als Selbstversorger im Rehabilitationstrakt. In weiteren
zwei Wohnheimen leben je acht Personen, die von der Sozialhilfe
betreut werden. Da die Einrichtung über ein großes Grundstück inmitten
freier Natur verfügt, gibt es für die Bewohner die Möglichkeit,
sich entweder in der hauseigenen Gärtnerei oder in der Landwirtschaft
bei Gemüseanbau oder Viehzucht nützlich zu machen. Ein weiteres
Angebot ist die zweimal wöchentlich stattfindende dramenpädagogische
Beschäftigung. Alle zwei Jahre nimmt das Heim an einem landesweiten
Theatertreffen statt. Bei allen Unterschieden zwischen der deutschen
und der ungarischen Pflegesituation - was die Direktorin Judit Marketti
am meisten vermisst, kommt ihren deutschen Gästen bekannt vor: "Es
ist nicht genügend Zeit für die individuelle Betreuung der Bewohner
vorhanden."
Ein wenig von der Aufbruchstimmung der Altenpflege in Ungarn erlebte
die Reisegruppe im Altersheim "Mutter Theresia". Als eine der noch
wenigen privaten Einrichtungen wurde es in einem nicht mehr genutzten
Kirchengebäude der Ortschaft Hévíz am Rande des Plattensees untergebracht.
Die Umbauarbeiten waren gerade abgeschlossen und die Zimmer mit
neuen Möbeln eingerichtet. Nur die Bewohner fehlten noch, die sollten
zwei Wochen später einziehen. Bei ihnen muss es sich allerdings
noch um recht mobile Personen handeln, vermutete die Delegation
aus Deutschland beim Blick auf das Mobiliar und die Sozialräume.
Für Menschen mit erheblichem Pflegebedarf war die Ausstattung des
Hauses jedenfalls nicht geeignet.
Einfallsreichtum
Mit Budapest stand den Teilnehmern am Ende der Leserreise sowohl
touristisch wie auch in Bezug auf die zu besichtigenden Pflegeeinrichtungen
der Höhepunkt noch bevor. Besucht wurde das erste neu gebaute und
zugleich größte Altersheim Ungarns. Etwas außerhalb im Stadtteil
Pest gelegen, beherbergt die Einrichtung der Selbstverwaltung der
Hauptstadt 544 Bewohner, von denen etwa 300 regelmäßig Pflege und
Hilfe benötigen. Hier wurde noch einmal deutlich, was die Pflegekräfte
und Heimleiter von Hamburg bis Lörrach und von Karlsruhe bis Chemnitz
schon in den anderen Häusern erlebt haben: Der Ungar macht aus der
Not eine Tugend.
Den Problemen und begrenzten materiellen Ressourcen, mit denen die
Pflege in Ungarn zu kämpfen hat, wird Einfallsreichtum und Improvisationskunst
entgegengesetzt. Im Budapester Heim beispielsweise wird das knappe
Budget dadurch aufgebessert, dass der Wäschedienst auch Personen
außerhalb der Einrichtung angeboten oder die zahlreich vorhandenen
Parkplätze an Anwohner aus der Umgebung vermietet werden. Wie modern
diese Einrichtung arbeitet und ausgerichtet ist, präsentierte ihr
Direktor László Bakonyi den staunenden Gästen aus dem Westen. Im
Gemeinschaftsraum stand eine große Tafel, auf der mehr als 90 Einrichtungen
aus allen 19 Bezirken Ungarns auf einer Landkarte verzeichnet waren.
Sie sind alle über ein elektronisches Netz verbunden, über das sie
zu Ausbildungszwecken Videokonferenzen abhalten können. Eine zeitsparende
und zukunftsorientierte Methode, die als Pilotprojekt von der ungarischen
Regierung finanziell gefördert wird.
Adressen oder nähere Angaben zu den besuchten Einrichtungen
in Ungarn und Informationen zur nächsten Leserreise in 2003 bei:
Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen e. V.
Lange Geismarstr. 72/73
37073 Göttingen
Tel.: 05 51 - 4 95 07 30 Fax: 05 51 - 4 95 07 39
petra.noelle@arbeitundleben-nds.de
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