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Leserreise Ungarn

 

 

Not macht erfinderisch (11/ 02)

Ungarn zählt in vielerlei Hinsicht zu den Vorzeigestaaten Osteuropas. Ob dies auch auf die Pflegesituation des Landes zutrifft, wollten die 30 Teilnehmer der Leserreise im Oktober persönlich vor Ort erfahren ...
VON KLAUS-DIETER NOLTE

 
 

Noch ein Gruppenbild und los geht's
 

 
   

Kunst im Heim: In Bázakerettye konnten Bilder und Handarbeiten der Bewohner bewundert und auch erworben werden

 
   

Umbau: In Hévíz wurde eine Kirche zum Altenheim
In Zalaegerszeg werden
Rentner mit Essen versorgt


In Budapest machen sich die Reisenden mit der Infrastruktur der Einrichtung vertraut
 
   
Prost: Mit ungarischer Gastfreundschaft wurden die deutschen Pflegekräfte in Zalaegerszeg begrüßt
 
 
 
     
 
Beim Eintritt in das Gebäude müssen sich alle Besucher zunächst putzige Filzpantoffeln über ihre Schuhe ziehen. Die Räumlichkeiten sind üppig ausgestattet: prachtvolle Kronleuchter zieren die Decken, kostbare Ölgemälde hängen an den Wänden, edles Mobiliar schmückt die zahlreichen Zimmer. Richtig ins Staunen geraten die Gäste aus deutschen Pflegeeinrichtungen bei der Besichtigung der Bibliothek, wo immerhin 93 000 Bücher auf eifrige Leser warten. Allerdings handelt es sich bei dieser Einrichtung, die im kulturellen Rahmenprogramm der Leserreise besichtigt wurde, nicht um ein ungarisches Altenheim, sondern um das Schloss Festetics in der Stadt Keszthely am Plattensee. Die materielle Ausstattung ungarischer Pflegeeinrichtungen steht dagegen im krassen Gegensatz zu dem verschwenderischen Reichtum ungarischer Schlösser. Kein Wunder, fehlt es doch bei allen Beteiligten an den nötigen finanziellen Mitteln. Die durschnittliche Rente eines Pflegebedürftigen beträgt 50 000 Forint, was nicht einmal 250 Euro entspricht. Von dieser Rente dürfen maximal 60 Prozent für die Kosten der Einrichtung verwendet werden, was in etwa die Hälfte dieser Kosten deckt. Den Rest übernimmt die Selbstverwaltung, sprich die Kommune. Eine Pflegeversicherung oder einzelne Pflegestufen gibt es in Ungarn nicht. Jeder Einrichtung verbleiben also zwischen 300 und 400 Euro monatlich pro Bewohner bzw. Nutzer für dessen Pflege bzw. Versorgung.

Aufbruchstimmung
 
Verständlich, dass die Versorgungsstrukturen des Landes darauf ausgerichtet sind, dass alte Leute so lange wie möglich zu Hause leben können. Welche Angebote dieses Ziel unterstützen, erfuhren die Teilnehmer der mittlerweile vierten Leserreise der Zeitschrift Altenpflege und der Göttinger Bildungsvereinigung "Arbeit und Leben Niedersachsen" bereits auf der ersten Station ihrer Fahrt. Irén Magyar Gyuláné, Direktorin des zentralen Versorgungszentrums der Kleinstadt Zalaegerszeg, erläuterte den aufmerksam lauschenden Besuchern aus Deutschland die Infrastruktur des Hauses, das etwa 600 Menschen im Alter von über 60 Jahren betreut. Neben der Möglichkeit, in diesem "Rentnerhaus" seine Mahlzeiten einzunehmen, können die alten Leute eine häusliche Hilfe oder bis zu einer Dauer von vier Monaten auch Tages- bzw. Kurzzeitpflege in Anspruch nehmen. Zudem werden den Mitgliedern des "Rentnerclubs" diverse Tagesbeschäftigungen angeboten, und es stehen Appartments für insgesamt 57 Personen zur Verfügung.
Die hohe Bedeutung, die solchen kommunalen Einrichtungen zukommt, lässt sich daran erkennen, dass in Ungarn die Städte per Gesetz verpflichtet sind, die Versorgung jedes alten Menschen bis zum Lebensende zu sichern. Entsprechend sind auch die meisten Pflegeheime in der Trägerschaft der kommunalen Selbstverwaltung. Der Staat ist es schließlich auch, der überwiegend die Ausbildung des Pflegepersonals finanziert. Je Einrichtung vorgeschrieben sind in Ungarn pro 50 Personen mindestens fünf qualifizierte Betreuer, eine Leitung mit Hochschulabschluss sowie zwei Aushilfen. Im Psychiatrischen Heim und Rehabilitationsanstalt in Bázakerettye werden z. B. 160 Personen von insgesamt 79 Mitarbeitern versorgt, Aushilfskräfte und Hauswirtschaftler inbegriffen. Beim Rundgang durch die Gebäude des Heimes wird den deutschen Gästen schnell klar, dass die Bewohnerstruktur ungarischer Einrichtungen wesentlich weniger homogen ist als daheim. Neben alten und dementen Menschen sowie bettlägerigen und mobilen Patienten gibt es auch zahlreiche Suchtkranke und Obdachlose.
Etwa 25 Personen des Psychiatrischen Heims sind relativ selbstständig und leben als Selbstversorger im Rehabilitationstrakt. In weiteren zwei Wohnheimen leben je acht Personen, die von der Sozialhilfe betreut werden. Da die Einrichtung über ein großes Grundstück inmitten freier Natur verfügt, gibt es für die Bewohner die Möglichkeit, sich entweder in der hauseigenen Gärtnerei oder in der Landwirtschaft bei Gemüseanbau oder Viehzucht nützlich zu machen. Ein weiteres Angebot ist die zweimal wöchentlich stattfindende dramenpädagogische Beschäftigung. Alle zwei Jahre nimmt das Heim an einem landesweiten Theatertreffen statt. Bei allen Unterschieden zwischen der deutschen und der ungarischen Pflegesituation - was die Direktorin Judit Marketti am meisten vermisst, kommt ihren deutschen Gästen bekannt vor: "Es ist nicht genügend Zeit für die individuelle Betreuung der Bewohner vorhanden."
Ein wenig von der Aufbruchstimmung der Altenpflege in Ungarn erlebte die Reisegruppe im Altersheim "Mutter Theresia". Als eine der noch wenigen privaten Einrichtungen wurde es in einem nicht mehr genutzten Kirchengebäude der Ortschaft Hévíz am Rande des Plattensees untergebracht. Die Umbauarbeiten waren gerade abgeschlossen und die Zimmer mit neuen Möbeln eingerichtet. Nur die Bewohner fehlten noch, die sollten zwei Wochen später einziehen. Bei ihnen muss es sich allerdings noch um recht mobile Personen handeln, vermutete die Delegation aus Deutschland beim Blick auf das Mobiliar und die Sozialräume. Für Menschen mit erheblichem Pflegebedarf war die Ausstattung des Hauses jedenfalls nicht geeignet.

Einfallsreichtum
 
Mit Budapest stand den Teilnehmern am Ende der Leserreise sowohl touristisch wie auch in Bezug auf die zu besichtigenden Pflegeeinrichtungen der Höhepunkt noch bevor. Besucht wurde das erste neu gebaute und zugleich größte Altersheim Ungarns. Etwas außerhalb im Stadtteil Pest gelegen, beherbergt die Einrichtung der Selbstverwaltung der Hauptstadt 544 Bewohner, von denen etwa 300 regelmäßig Pflege und Hilfe benötigen. Hier wurde noch einmal deutlich, was die Pflegekräfte und Heimleiter von Hamburg bis Lörrach und von Karlsruhe bis Chemnitz schon in den anderen Häusern erlebt haben: Der Ungar macht aus der Not eine Tugend.
Den Problemen und begrenzten materiellen Ressourcen, mit denen die Pflege in Ungarn zu kämpfen hat, wird Einfallsreichtum und Improvisationskunst entgegengesetzt. Im Budapester Heim beispielsweise wird das knappe Budget dadurch aufgebessert, dass der Wäschedienst auch Personen außerhalb der Einrichtung angeboten oder die zahlreich vorhandenen Parkplätze an Anwohner aus der Umgebung vermietet werden. Wie modern diese Einrichtung arbeitet und ausgerichtet ist, präsentierte ihr Direktor László Bakonyi den staunenden Gästen aus dem Westen. Im Gemeinschaftsraum stand eine große Tafel, auf der mehr als 90 Einrichtungen aus allen 19 Bezirken Ungarns auf einer Landkarte verzeichnet waren. Sie sind alle über ein elektronisches Netz verbunden, über das sie zu Ausbildungszwecken Videokonferenzen abhalten können. Eine zeitsparende und zukunftsorientierte Methode, die als Pilotprojekt von der ungarischen Regierung finanziell gefördert wird.

 
Adressen oder nähere Angaben zu den besuchten Einrichtungen in Ungarn und Informationen zur nächsten Leserreise in 2003 bei:
 
Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen e. V.
Lange Geismarstr. 72/73
37073 Göttingen
Tel.: 05 51 - 4 95 07 30  Fax: 05 51 - 4 95 07 39
petra.noelle@arbeitundleben-nds.de

 


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